Strategie
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Veröffentlicht am
6 May 2026

SAP Hybris Alternativen 2026: Plattformen für Enterprise B2B im Vergleich

Markus Lorenz
CEO

31. Juli 2026. An diesem Tag endet der Mainstream-Support für SAP Commerce on-premise. Version 2205 war das letzte Release. Danach: keine Sicherheitspatches, keine Bugfixes, keine Kompatibilitätsupdates. Wer das SAP Help Portal liest, findet keine Zweideutigkeit. Das System wird eingestellt.

Für B2B-Unternehmen im DACH-Raum, die auf SAP Hybris laufen, ist das kein fernes Problem mehr. Es sind noch gut drei Monate. Und wer heute noch keine Plattformentscheidung getroffen hat, wird den Termin mit einer sauberen Migration nicht mehr schaffen.

Trotzdem: Die Entscheidung unter Zeitdruck zu treffen, ist gefährlicher als sie unter Zeitdruck hinauszuzögern. Denn die falsche Plattform kostet nicht drei Monate. Sie kostet Jahre.

Dieser Artikel liefert euch das Entscheidungsframework. Fünf Enterprise-Plattformen, vier Bewertungsdimensionen, eine ehrliche Einordnung. Kein Plattform-Verkaufsgespräch. Basierend auf dem, was wir in 13 Jahren E-Commerce-Beratung bei Migrationsprojekten gesehen haben.

Was das End of Mainstream Maintenance konkret bedeutet

Die Kurzfassung: Ab dem 31. Juli 2026 gibt es für SAP Commerce on-premise keine Sicherheitspatches, keine Bugfixes und keine technischen Updates mehr. Was bleibt, ist die Customer-Specific Maintenance (CSM), die denselben Preis kostet, aber keine garantierten Reaktionszeiten oder SLAs bietet.

Für ein System, das Zahlungsdaten verarbeitet, an ERP-Systeme angebunden ist und PCI-DSS-Compliance einhalten muss, wird das schnell zum operativen und rechtlichen Risiko.

Die vollständige Analyse mit allen Details zu den drei Optionen (SAP Commerce Cloud, Plattformwechsel, Weiterbetrieb) findet ihr in unserem Artikel zum SAP Hybris End of Life.

Hier geht es um die Folgefrage: Wenn ihr wechselt, wohin?

Composable Commerce erklärt: Warum die Architektur die eigentliche Entscheidung ist

Bevor ihr Plattformen vergleicht, müsst ihr eine grundsätzlichere Frage beantworten: Wollt ihr wieder ein monolithisches System oder einen modularen Ansatz?

Monolithisch bedeutet: Eine Plattform liefert alles. Frontend, Backend, Checkout, PIM, OMS, Pricing. Alles aus einer Hand, alles miteinander verdrahtet. SAP Hybris war genau so gebaut. Der Vorteil: Ein Ansprechpartner, ein Deployment, eine Codebasis. Der Nachteil: Wenn ihr eine Komponente austauschen wollt, müsst ihr oft das ganze System anfassen. Und jedes Update betrifft alles.

Composable Commerce dreht dieses Prinzip um. Statt einer monolithischen Suite setzt ihr einzelne Best-of-Breed-Services zusammen. Ein spezialisierter Checkout-Service, ein separates PIM, eine eigene Pricing Engine, ein unabhängiges Frontend. Jede Komponente kommuniziert über APIs. Jede kann unabhängig aktualisiert, skaliert oder ausgetauscht werden.

Das ist kein Buzzword. Das ist eine Architekturentscheidung mit konkreten Konsequenzen.

Composable ist richtig für euch, wenn:

  • Euer Geschäftsmodell sich schnell verändert und ihr einzelne Komponenten unabhängig weiterentwickeln wollt
  • Ihr ein erfahrenes Entwicklerteam habt (intern oder extern), das API-basierte Architekturen beherrscht
  • Eure bestehende Systemlandschaft heterogen ist (verschiedene ERPs, PIMs, Payment Provider)
  • Ihr schrittweise migrieren wollt, statt alles auf einmal zu ersetzen

Composable ist nicht die richtige Wahl, wenn:

  • Euer Team klein ist und ihr keinen laufenden Integrationsaufwand stemmen könnt
  • Euer Geschäftsmodell stabil ist und ihr wenig Veränderungsdruck habt
  • Ihr eine schlüsselfertige Lösung braucht, die in drei Monaten produktiv ist

Für mittelständische Unternehmen, die keine Enterprise-Plattform brauchen, lohnt sich stattdessen ein Blick auf unseren Vergleich Shopware vs. Shopify 2026.

Die MACH Alliance (Microservices, API-first, Cloud-native, Headless) hat diese Prinzipien formalisiert. Aber MACH-zertifiziert zu sein bedeutet nicht automatisch, dass eine Plattform zu euch passt. Die Architektur ist der Rahmen. Die B2B-Tiefe, der DACH-Support und die TCO entscheiden, ob es am Ende funktioniert.

Das Entscheidungsframework: Vier Dimensionen für die Plattformwahl

Plattformvergleiche, die nur Features auflisten, helfen nicht. Was ihr braucht, ist ein Bewertungsraster, das eure spezifische Situation abbildet. Wir nutzen vier Dimensionen:

1. Architektur-Fit

Passt die Plattformarchitektur zu eurer technischen Realität? Habt ihr die Entwicklerkapazität für eine API-first-Architektur? Oder braucht ihr ein System mit integriertem Frontend und weniger Integrationskomplexität? Wie sieht eure bestehende Systemlandschaft aus, und wie gut lässt sich die neue Plattform darin einbetten?

2. B2B-Tiefe

Enterprise B2B hat Anforderungen, die sich fundamental von B2C unterscheiden. Kundenspezifische Preise, Rahmenverträge, Request-for-Quote-Prozesse, mehrstufige Freigabe-Workflows, PunchOut-Kataloge, Multi-Katalog-Strukturen. Die Frage ist nicht, ob eine Plattform "B2B kann", sondern wie tief diese Funktionen im Kern verankert sind. Aufgesetzte B2B-Layer über einem B2C-Kern führen fast immer zu Kompromissen.

3. DACH-Support

Für ein Migrationsprojekt mit sechsstelligem Budget braucht ihr einen Anbieter, der im DACH-Raum greifbar ist. Nicht nur mit einem Vertriebsbüro, sondern mit technischem Support, Implementierungspartnern und lokaler Expertise. Deutsche Sprache im Support, Verständnis für DACH-spezifische Anforderungen (DATEV, GoBD, ZUGFeRD), und ein Partner-Ökosystem, das ihr nicht erst aufbauen müsst.

4. Total Cost of Ownership (TCO)

Lizenzkosten sind nur der Anfang. Die wahren Kosten einer Plattform setzen sich zusammen aus: Lizenz/Subscription, Implementierung, laufender Betrieb, Integrationsaufwand, Schulung, und die Kosten für Anpassungen im Zeitverlauf. Ein Pay-per-Use-Modell kann bei niedrigem Volumen günstiger sein als eine Jahrespauschal. Bei hohem Volumen dreht sich das Verhältnis um. Rechnet immer auf drei bis fünf Jahre.

Fünf Plattformen im direkten Vergleich

Die folgende Tabelle zeigt die fünf relevantesten Enterprise-Plattformen für B2B-Unternehmen, die von SAP Hybris migrieren. Jede hat Stärken, jede hat Grenzen. Die Einordnung basiert auf öffentlich verfügbaren Informationen, Analystenberichten und unserer Erfahrung aus Beratungsprojekten.

Dimension
Emporix
commercetools
Spryker
Intershop
SCAYLE
Architektur
MACH, autonome Orchestrierung
MACH, API-first
Modulare PaaS
Headless, Integration Hub
MACH, 100% Composable
Preismodell
Pay-per-Use
Jährliche Lizenz (umsatzabhängig)
Enterprise individuell
Umsatz-/Transaktionsbasiert
Enterprise individuell
B2B-Stärken
Rahmenverträge, RFQ, Geo-Preise
Business Units, Approval Flows, Quote Mgmt
Native PunchOut, RFQ/CPQ, Shared Carts
PIM integriert, Budgetregeln
Primär B2C
DACH-Support
HQ München
HQ München/Berlin
HQ Berlin
HQ Jena
HQ Hamburg
Analyst
IDC Major Player
Gartner Leader
Gartner Critical Capabilities
Forrester Strong Performer
-
Migrationszeit
4-6 Monate
6-12 Monate
6-12 Monate
6-12 Monate
k.A.

Emporix

Emporix wurde von ehemaligen Hybris-Entwicklern gegründet. Das ist nicht nur Marketing. Das Team kennt die Schmerzpunkte von SAP-Kunden aus erster Hand und hat die Plattform gezielt als Antwort darauf gebaut. Die MACH-zertifizierte Architektur kombiniert Microservices mit einem No-Code-Layer, der es Fachabteilungen erlaubt, Pricing-Regeln und Workflows ohne Entwicklertickets anzupassen.

Die B2B-Tiefe ist die größte Stärke: Rahmenverträge, Request-for-Quote, geografisch gestaffelte Preise, komplexe Kataloghierarchien. Alles nativ im Kern, nicht als Add-on. Die HABA-Migration zeigt, was realistisch ist: erster Kanal in vier Monaten live, 43% Kosteneinsparung im zweiten Jahr.

Das Pay-per-Use-Modell ist für Unternehmen mit schwankendem Bestellvolumen attraktiv. Ihr zahlt nach tatsächlicher Nutzung statt nach prognostiziertem Umsatz.

Am besten geeignet für: Mittelständische und Enterprise-B2B-Unternehmen mit komplexen Pricing-Modellen, Manufacturing, Wholesale. Transparenz: datrycs ist Emporix-Partner. Wir kennen die Plattform aus gemeinsamen Projekten und empfehlen sie, wenn das Anforderungsprofil passt. Nicht pauschal.

commercetools

commercetools aus München ist der Pionier im Composable-Commerce-Segment und von Gartner als Leader eingestuft. Die Plattform ist konsequent API-first gebaut. Es gibt kein mitgeliefertes Frontend, keine vorgefertigte Admin-Oberfläche im klassischen Sinn. Alles wird über APIs orchestriert.

Für B2B bietet commercetools Business Units, Approval Flows, Custom Pricing und Quote Management. Die Stärke liegt in der Flexibilität: Ihr könnt jede Komponente so implementieren, wie euer Geschäftsmodell es erfordert. Die Kehrseite dieser Flexibilität: Ihr müsst es auch tun. commercetools erfordert ein starkes Entwicklerteam und mehr Implementierungsaufwand als Plattformen mit integriertem Frontend.

Das Preismodell basiert auf jährlichen Lizenzen, typischerweise umsatzabhängig. Für große Enterprise-Kunden kann das kalkulierbar sein. Für wachsende Unternehmen, deren Umsatz stark schwankt, wird die Kostenplanung schwieriger.

Am besten geeignet für: Unternehmen mit starkem Entwicklerteam, die maximale Flexibilität brauchen und bereit sind, die Implementierungskomplexität zu tragen.

Spryker

Spryker aus Berlin hat sich als Composable-Commerce-Plattform für B2B, B2C und Marktplatz-Modelle positioniert. Über 150 Enterprise-Kunden, darunter HORNBACH und Aldi, nutzen die Plattform. Die Stärke liegt in der nativen Unterstützung von PunchOut-Katalogen, RFQ/CPQ-Prozessen und Shared Carts.

Was Spryker von den anderen MACH-Plattformen unterscheidet: die modulare PaaS-Architektur. Ihr wählt die Module, die ihr braucht, und könnt sie unabhängig voneinander einsetzen. Das ermöglicht eine schrittweise Migration, bei der ihr nicht alles auf einmal ersetzen müsst.

Die Herausforderung: Spryker hat eine steile Lernkurve und Enterprise-only-Preisgestaltung, die für mittelständische Unternehmen schwer vorab kalkulierbar ist. Das Partner-Ökosystem wächst, ist aber kleiner als bei commercetools.

Am besten geeignet für: Unternehmen, die PunchOut und Marktplatz-Funktionalität nativ brauchen, und bereit sind, in die Lernkurve zu investieren.

Intershop

Intershop aus Jena ist der Veteran unter den deutschen Commerce-Plattformen. Seit über 25 Jahren im Markt, mit einem tiefen Verständnis für die Anforderungen deutscher B2B-Unternehmen. Von Forrester als Strong Performer eingestuft.

Die Plattform bietet einen integrierten Ansatz mit nativem PIM, Budgetregeln, Genehmigungsworkflows und einer starken SAP-ERP-Integration. Der Architekturansatz ist Headless mit einem Integration Hub, der bestehende Systeme anbindet. Das ist weniger radikal als die reine MACH-Architektur, aber pragmatischer für Unternehmen, die nicht ihre gesamte Systemlandschaft gleichzeitig modernisieren wollen.

Das Preismodell basiert auf Umsatz- und Transaktionsbasis. Die Implementierungszeiten liegen typischerweise bei 6 bis 12 Monaten, abhängig von der Komplexität der bestehenden Integrationen.

Am besten geeignet für: B2B-Unternehmen mit starker SAP-ERP-Bindung, die einen pragmatischen Headless-Ansatz bevorzugen und Wert auf ein integriertes PIM legen.

SCAYLE

SCAYLE aus Hamburg (Teil der ABOUT YOU-Gruppe) ist eine MACH-zertifizierte Commerce-Plattform mit einem klaren Fokus auf Performance und Skalierbarkeit. Die Plattform wurde im ABOUT-YOU-Ökosystem mit über 30 Millionen aktiven Nutzern entwickelt und auf Hochlast optimiert.

Die Einschränkung für diesen Vergleich: SCAYLE ist primär auf B2C und D2C ausgerichtet. Native B2B-Funktionen wie Rahmenverträge, PunchOut oder komplexe Genehmigungsworkflows fehlen. Für Unternehmen, die einen B2C-Kanal parallel zum B2B-Geschäft betreiben, kann SCAYLE eine Ergänzung sein. Als alleiniger SAP-Hybris-Nachfolger im B2B-Bereich ist die Plattform aktuell nicht positioniert.

Am besten geeignet für: Unternehmen mit starkem B2C/D2C-Fokus, die Performance auf Enterprise-Niveau brauchen. Nicht als primärer SAP-Hybris-Ersatz für reine B2B-Szenarien.

B2B Requirements Checklist: Was eure neue Plattform können muss

Unabhängig davon, welche Plattform ihr evaluiert: Diese sechs Anforderungen solltet ihr gegen jede Shortlist prüfen. Nicht als Nice-to-have, sondern als Pflichtkriterien für Enterprise B2B.

Multi-Katalog-Strukturen. Verschiedene Kunden oder Kundengruppen sehen verschiedene Sortimente, Preise und Verfügbarkeiten. Euer B2C-Katalog unterscheidet sich vom B2B-Katalog. Eure Großhändler sehen andere Produkte als eure Direktkunden. Die Plattform muss das nativ abbilden, nicht über Workarounds.

Kundenspezifische Preise. Staffelpreise, Rahmenvertragspreise, regionale Preisunterschiede, temporäre Aktionspreise pro Kundensegment. Im B2B ist Pricing selten ein Listenpreis. Die Plattform muss eine Pricing Engine bieten, die diese Komplexität abbildet, ohne dass ihr für jede Preisregel Custom Code schreibt.

Freigabe-Workflows. Ein Einkäufer bestellt, der Abteilungsleiter gibt frei, ab einem bestimmten Betrag muss die Geschäftsführung genehmigen. Mehrstufige Approval Flows sind im B2B Standard. Die Plattform muss sie konfigurierbar abbilden, nicht als starres Zwei-Stufen-Modell.

PunchOut-Kataloge. Viele B2B-Kunden bestellen aus ihrem eigenen Procurement-System heraus (SAP Ariba, Coupa, Oracle Procurement). PunchOut (cXML/OCI) ist die Schnittstelle dafür. Wenn eure Kunden PunchOut erwarten, braucht eure Plattform das nativ, nicht als Drittanbieter-Plugin.

SAP-ERP-Integration. Die meisten SAP-Hybris-Kunden haben auch ein SAP ERP (S/4HANA, R/3, Business One). Die Integrationspunkte sind zahlreich: Materialstamm, Preisfindung, Auftragsanlage, Bestandsdaten, Kundenstamm. Die neue Plattform muss saubere APIs für diese Integration bieten. Und idealerweise dokumentierte SAP-Konnektoren oder -Templates.

EU-Hosting / DSGVO-Konformität. Für Unternehmen mit Sitz in der EU ist Datenhosting in der EU keine Option, sondern Pflicht. Achtet darauf, dass die Plattform EU-Hosting anbietet, nicht nur "auch verfügbar", sondern als Standard. Prüft, wo Subprozessoren sitzen und ob Daten in Drittländer übertragen werden.

Migrationsrealität: Timelines, Risiken und der phased Approach

Jetzt wird es unbequem. Die Tabelle oben zeigt Migrationszeiten von 4 bis 12 Monaten. Diese Zahlen gelten für Projekte, die gut vorbereitet starten, ein klares Scope haben und ein eingespieltes Team mitbringen.

Die Realität bei den meisten SAP-Hybris-Migrationen:

Die Anforderungsanalyse dauert 4 bis 8 Wochen. Nicht weil das Team langsam ist, sondern weil SAP-Hybris-Systeme über Jahre gewachsen sind. Custom-Java-Klassen, die niemand dokumentiert hat. Integrationen, die ein Entwickler gebaut hat, der nicht mehr im Unternehmen ist. Pricing-Logik, die auf Datenbank-Stored-Procedures basiert. Bevor ihr migrieren könnt, müsst ihr verstehen, was ihr habt.

Die Datenmigration ist ein eigenes Projekt. Produktdaten, Kundenkonten, Bestellhistorie, kundenspezifische Preislisten. Je nach Datenqualität und -volumen dauert das 2 bis 6 Wochen. Und es ist der Teil, der am häufigsten unterschätzt wird.

Die Integration in bestehende Systeme (ERP, PIM, Payment, Logistik) ist der dritte Zeitfresser. Jede Schnittstelle muss neu gebaut oder angepasst werden. Jede hat eigene Edge Cases.

Was das für den Zeitplan bedeutet:

Wer heute, im April 2026, noch keine Plattformentscheidung getroffen hat, wird den 31. Juli 2026 mit einer vollständigen Migration nicht erreichen. Das ist keine pessimistische Einschätzung, das ist Mathematik.

Was ihr trotzdem tun könnt: den Strangler Pattern Approach. Statt alles auf einmal zu ersetzen, migriert ihr Komponente für Komponente. Das Frontend zuerst, über eine Headless-Anbindung an das bestehende SAP-Backend. Dann der Checkout. Dann das Pricing. Schritt für Schritt, während das alte System weiterläuft.

Dieser Ansatz funktioniert besonders gut mit MACH-Plattformen, die von Anfang an auf lose Kopplung ausgelegt sind. Emporix, commercetools und Spryker unterstützen dieses Vorgehen explizit. Intershop bietet es über den Integration Hub.

Der Strangler-Ansatz löst nicht das Supportproblem für das SAP-Backend. Aber er minimiert das Risiko eines Big-Bang-Wechsels und gibt euch die Möglichkeit, die Migration über 6 bis 12 Monate zu strecken, statt sie in drei Monate zu pressen.

Wer mehr über die versteckten Kosten verzögerter Migrationen lesen will: Unser Artikel zu technischen Schulden im E-Commerce zeigt, wie sich aufgeschobene Modernisierung auf die operative Leistungsfähigkeit auswirkt.

Warum die Plattformentscheidung nur der Anfang ist

Die Plattform ist das Fundament. Aber ein Fundament allein ist kein Haus. Worüber in Plattformvergleichen selten gesprochen wird:

Team-Readiness. Ein Wechsel von einem monolithischen SAP-System zu einer MACH-Architektur verändert die Art, wie euer Team arbeitet. Frontend-Entwickler arbeiten unabhängig vom Backend. DevOps wird wichtiger. Das Fachteam kann Konfigurationsänderungen selbst vornehmen, statt Tickets zu schreiben. Das ist eine Chance, aber es erfordert Umstellung und Schulung.

Integrationsarchitektur. In einer Composable-Welt braucht ihr eine klare Integrationsschicht. Wer orchestriert die Services? Wie werden Daten synchron gehalten? Was passiert, wenn eine Komponente ausfällt? Diese Fragen beantwortet keine Plattform allein. Sie erfordern eine durchdachte Integrationsarchitektur, die zu eurer Systemlandschaft passt.

Vendor Lock-in vs. Flexibilität. Composable Commerce verspricht Freiheit. Die Realität: Jede Plattform hat ihre eigenen APIs, ihre eigenen Datenmodelle, ihre eigenen Konventionen. Ein Wechsel von commercetools zu Spryker ist deutlich einfacher als ein Wechsel von SAP Hybris zu einer MACH-Plattform. Aber er ist nicht trivial. Achtet bei der Plattformwahl darauf, wie standardisiert die APIs sind und wie gut dokumentiert die Datenexporte.

Wie KI die Plattformwahl beeinflusst und welche Anwendungen sich 2026 tatsächlich rechnen, zeigt unser Artikel KI im E-Commerce 2026. Das Thema Agentic Commerce, also die Integration von KI-Agenten in Commerce-Prozesse, wird in den kommenden Jahren zusätzliche Anforderungen an die Plattformarchitektur stellen. Wer mehr dazu lesen will: Was ist Agentic Commerce?

FAQ: Die häufigsten Fragen zur SAP Hybris Migration

Was passiert nach dem SAP Hybris End of Life am 31. Juli 2026?

Nach dem End of Mainstream Maintenance liefert SAP keine Sicherheitspatches, Bugfixes oder technischen Updates mehr für SAP Commerce on-premise. Ihr könnt das System weiter betreiben, tragt aber das volle Risiko für Sicherheitslücken und Kompatibilitätsprobleme. Die Customer-Specific Maintenance (CSM) kostet genauso viel wie der bisherige Support, bietet aber keine garantierten SLAs. Details: SAP Hybris End of Life 2026.

Ist SAP Commerce Cloud der richtige Nachfolger?

Für Unternehmen, die tief im SAP-Ökosystem verankert sind (SAP ERP, SAP CRM, SAP Marketing Cloud), kann die Migration auf SAP Commerce Cloud sinnvoll sein. Der Kern bleibt ähnlich, und bestehende Integrationen lassen sich teilweise übernehmen. Aber: SAP Commerce Cloud ist nicht dasselbe System in der Cloud. Die Customization-Möglichkeiten sind eingeschränkter, das Preismodell ist umsatzbasiert statt lizenzbasiert, und tiefe Java-Level-Anpassungen funktionieren im Cloud Extension Model anders. Prüft, ob eure kritischen Customizations übertragbar sind, bevor ihr euch festlegt.

Wie lange dauert eine Migration von SAP Hybris?

Realistisch: 4 bis 12 Monate, abhängig von der Zielplattform, der Komplexität eurer Customizations und der Qualität eurer Daten. Die schnellsten Migrationen (4 bis 6 Monate) erreicht ihr mit Plattformen, die explizit Hybris-Migrationspfade anbieten, und einem klar definierten Scope. Komplexe Szenarien mit vielen Custom-Integrationen, Datenmigration und Multi-Country-Rollout liegen eher bei 9 bis 12 Monaten. Ein phased Approach (Strangler Pattern) kann den Go-live des ersten Kanals beschleunigen, während ihr das Restsystem schrittweise ablöst.

Was kostet der Wechsel von SAP Hybris auf eine neue Plattform?

Die ehrliche Antwort: Es kommt darauf an. Die Lizenzkosten der neuen Plattform sind der kleinste Posten. Die Hauptkostentreiber sind Implementierung (150.000 bis 500.000+ EUR für Enterprise B2B), Datenmigration, Integrationsaufwand und Schulung. Dazu kommen die laufenden Betriebskosten der neuen Plattform. Als Faustregel: Plant mit einem TCO-Vergleich über drei bis fünf Jahre. Pay-per-Use-Modelle (wie Emporix) können bei schwankendem Volumen günstiger sein als umsatzbasierte Jahreslizenzen. Festpreismodelle geben mehr Planungssicherheit, aber weniger Flexibilität.

Welche B2B-Funktionen decken die Alternativen ab?

Die Kernfunktionen (kundenspezifische Preise, Multi-Katalog, Freigabe-Workflows) decken alle fünf Plattformen in unterschiedlicher Tiefe ab. Die Unterschiede liegen im Detail: Emporix und Intershop bieten die tiefste native B2B-Funktionalität. commercetools und Spryker bieten maximale Flexibilität, erfordern aber mehr Implementierungsaufwand für B2B-spezifische Prozesse. SCAYLE ist primär B2C und nur bedingt für reine B2B-Szenarien geeignet. Prüft eure konkreten Anforderungen gegen die B2B Requirements Checklist in diesem Artikel.

Was unterscheidet Composable Commerce von monolithischen Plattformen?

Bei einer monolithischen Plattform (wie SAP Hybris) liefert ein Anbieter alle Commerce-Komponenten als integrierte Suite. Alles funktioniert zusammen, aber alles ist auch voneinander abhängig. Composable Commerce dreht das Prinzip um: Ihr setzt spezialisierte Best-of-Breed-Services zusammen, die über APIs kommunizieren. Jede Komponente kann unabhängig aktualisiert oder ausgetauscht werden. Der Vorteil ist Flexibilität und Geschwindigkeit. Der Nachteil ist Komplexität: Ihr braucht ein Team, das API-basierte Architekturen beherrscht, und eine klare Integrationsstrategie.

Kann ich schrittweise migrieren statt alles auf einmal?

Ja. Der sogenannte Strangler Pattern Approach erlaubt es, einzelne Komponenten nacheinander zu migrieren. Typischerweise startet ihr mit dem Frontend (Headless-Anbindung an das bestehende SAP-Backend), migriert dann Checkout und Pricing, und löst das alte System Schritt für Schritt ab. Alle MACH-Plattformen in diesem Vergleich unterstützen diesen Ansatz. Das reduziert das Risiko eines Big-Bang-Wechsels erheblich und verteilt die Kosten über einen längeren Zeitraum.

Nächster Schritt: Plattformentscheidung strukturiert angehen

Wenn ihr diesen Artikel bis hierhin gelesen habt, wisst ihr: Die Plattformentscheidung ist keine Feature-Checkliste. Sie hängt von eurer Architektur, euren B2B-Anforderungen, eurem Team und eurem Budget ab.

Was ihr jetzt tun solltet:

  1. Dokumentiert eure Ist-Situation. Welche Customizations laufen auf eurem Hybris-System? Welche Integrationen sind geschäftskritisch? Wie sieht eure Datenqualität aus?
  2. Definiert eure Muss-Kriterien. Nutzt die B2B Requirements Checklist als Ausgangspunkt. Was davon ist Pflicht, was ist Nice-to-have?
  3. Bewertet die Plattformen gegen euer Profil. Nicht gegen ein generisches Feature-Raster, sondern gegen eure vier Dimensionen: Architektur-Fit, B2B-Tiefe, DACH-Support, TCO.
  4. Plant realistisch. Wenn ihr den 31. Juli 2026 nicht mit einer vollständigen Migration erreicht, plant den Strangler-Approach. Ein strukturierter Übergang ist besser als eine übereilte Migration.

Ihr wollt die Plattformentscheidung mit jemandem durchsprechen, der eure Situation kennt und nicht an eine Plattform gebunden ist? Kontaktiert uns für ein unverbindliches Gespräch. Wir helfen euch, die richtige Plattform für euer Geschäftsmodell zu finden. Nicht die, die am besten klingt, sondern die, die am besten passt.

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