Euer SAP Hybris System läuft. Die Bestellungen kommen rein, die ERP-Integration funktioniert, das Team kennt das System. Niemand fasst ein laufendes System gerne an.
Aber SAP zwingt euch dazu. Am 31. Juli 2026 endet der Mainstream-Support für SAP Commerce on-premise (vormals SAP Hybris). Keine Sicherheitspatches mehr, keine Bugfixes, keine technischen Updates. Und das ist keine abstrakte Ankündigung: Laut SAP Help Portal ist Version 2205 das letzte on-premise Release. Danach wird nichts Neues kommen.
Für die geschätzt 267 Unternehmen in Deutschland, die SAP Hybris Commerce einsetzen, stellt sich jetzt eine grundsätzliche Frage: Migrieren auf SAP Commerce Cloud, wechseln zu einer neuen Plattform oder auf einem unsupporteten System weiterlaufen und das Risiko tragen?
Dieser Artikel gibt euch die Fakten, die ihr für diese Entscheidung braucht. Ohne Plattform-Verkaufsgespräch. Mit ehrlichen Einschätzungen zu Timelines, Kosten und Risiken. Basierend auf dem, was wir in E-Commerce-Migrationsprojekten über die letzten 13 Jahre gelernt haben.
Was am 31. Juli 2026 passiert
Das End of Mainstream Maintenance (EoMM) für SAP Commerce on-premise bedeutet konkret:
Keine Sicherheitspatches mehr. Kritische Schwachstellen, die nach dem 31. Juli entdeckt werden, bleiben ungepatched. Für ein System, das Zahlungsdaten verarbeitet und an ERP-Systeme angebunden ist, ein wachsendes Risiko.
Keine Bugfixes. Bekannte Probleme werden nicht mehr korrigiert. Neue Probleme, die durch Browser-Updates, Betriebssystem-Änderungen oder API-Updates bei Zahlungsanbietern entstehen, werden nicht adressiert.
Keine technischen Updates. Keine Kompatibilität mit neuen Browserversionen, neuen TLS-Standards oder neuen Anforderungen von Zahlungs-Schnittstellen wie PSD2-Nachfolgeregelungen.
Was ihr stattdessen bekommt: die sogenannte Customer-Specific Maintenance (CSM). Klingt nach Support. Ist es aber kaum. CSM kostet genauso viel wie der bisherige Wartungsvertrag, bietet aber keine garantierten Reaktionszeiten, keine SLAs und keine funktionalen Updates. Ihr zahlt den gleichen Preis und erhaltet fast nichts zurück.
Das SAP Community Blog beschreibt die Details. Die Zusammenfassung: Weiterbetrieb auf einem unsupporteten System ist technisch möglich, wirtschaftlich aber schwer zu rechtfertigen.
On-Premise vs. Cloud: Wen betrifft es genau?
Die Unterscheidung ist wichtig, weil sie oft falsch verstanden wird.
Das EoMM betrifft spezifisch die on-premise Version. SAP Commerce Cloud wird weitergeführt. Aber: Auch die Cloud-Version hat Einschränkungen. Applikationen auf EoMM-Versionen können laut SAP Help Portal keinen neuen Code mehr deployen, bis auf eine aktuelle Version aktualisiert wird.
Die Konsequenz: Auch Cloud-Kunden auf älteren Versionen müssen handeln. Nicht bis Juli 2026, aber sie müssen ihre Version aktuell halten, um handlungsfähig zu bleiben. Wer auf einer veralteten Cloud-Version festsitzt, kann keinen neuen Code deployen und verliert damit die Fähigkeit, auf Marktveränderungen zu reagieren.
Drei Optionen: Was ihr jetzt entscheiden könnt
Option 1: Migration auf SAP Commerce Cloud
Der naheliegendste Weg: Ihr bleibt im SAP-Ökosystem, wechselt aber von on-premise in die Cloud.
Vorteile: Bestehende Integrationen (ERP, PIM) bleiben im SAP-Ökosystem. Das Team kennt die Grundlogik. SAP übernimmt Hosting und Updates.
Nachteile: SAP Commerce Cloud behält einen weitgehend monolithischen Commerce-Kern, trotz des entkoppelten Spartacus-Frontends. Die Customization-Möglichkeiten sind eingeschränkter als on-premise. Und die Kosten steigen: Die Preisstruktur basiert auf Umsatz- oder Bestellvolumen statt auf technischen Metriken.
Realistischer Zeitrahmen: 2 bis 6 Monate für eine Standard-Migration, deutlich länger bei umfangreichen Custom-Entwicklungen.
Option 2: Replatforming auf eine neue Plattform
Der radikalere, aber oft strategisch bessere Weg. Statt im SAP-Universum zu bleiben, wechselt ihr auf eine Plattform, die besser zu eurem Geschäftsmodell und eurer Wachstumsstrategie passt.
Die relevanten Alternativen für Enterprise B2B im DACH-Raum:
Shopware 6 ist die stärkste Option im DACH-Markt. Open-Source-Kern, B2B-Suite mit Rollen- und Genehmigungsprozessen, signifikant niedrigere Lizenzkosten. Gartner Peer Insights bewertet Shopware mit 4.1/5 gegenüber 3.9/5 für SAP Commerce. Typischer Migrationszeitraum: 4 bis 9 Monate.
Emporix wurde von ehemaligen Hybris-Mitarbeitern gegründet und ist als direkter Hybris-Nachfolger positioniert. MACH-Architektur (Microservices, API-first, Cloud-native, Headless), speziell auf B2B und Manufacturing ausgelegt. Die HABA-Migration zeigt, was möglich ist: Erster Kanal in 4 Monaten live, 43% Kosteneinsparung im zweiten Jahr. datrycs arbeitet als Partner mit Emporix zusammen.
commercetools aus München ist der Pionier im Composable Commerce. Rein API-first, unterstützt inkrementelle Migration nach dem Strangler Pattern. Starke B2B-Features (Custom Catalogs, Account-Hierarchien). Braucht aber ein starkes Entwicklerteam und hat eine höhere Implementierungskomplexität.
Spryker aus Berlin bietet Composable Commerce für B2B, B2C und Marktplatz-Modelle. Über 150 Enterprise-Kunden, darunter HORNBACH, das auf Spryker gewechselt hat, um mehr Flexibilität in der Frontend-Entwicklung zu gewinnen. Die Plattform ist stark im Marktplatz-Bereich, hat aber eine steile Lernkurve und enterprise-only Preisgestaltung, die für mittelständische Unternehmen schwer kalkulierbar sein kann.
Wichtig bei der Plattformwahl: Die beste Plattform gibt es nicht. Es gibt nur die beste Plattform für euer Geschäftsmodell, eure Teamgröße, eure Wachstumsstrategie und eure bestehende Systemlandschaft. Ein Unternehmen mit 500 SKUs und einem ERP hat andere Anforderungen als eines mit 50.000 SKUs, drei Ländergesellschaften und einem PIM-System. Die Plattformentscheidung sollte immer von den Anforderungen kommen, nicht von den Features.
Option 3: Weiterbetrieb auf unsupportetem System
Technisch möglich, wirtschaftlich riskant. Ohne Sicherheitspatches tragt ihr das volle Risiko für Datenschutzverletzungen. Ohne Bugfixes wachsen die operativen Probleme. Und die CSM-Kosten für quasi keinen Support machen diese Option zum teuersten Weg, nichts zu tun.
Für Unternehmen, die PCI-DSS-Compliance einhalten müssen (und das betrifft jeden B2B-Shop mit Kreditkartenzahlung), ist ein System ohne Sicherheitsupdates ein Compliance-Problem. Audits werden schwieriger, Versicherungen teurer, und die persönliche Haftung für Geschäftsführer bei Datenschutzverletzungen bleibt bestehen.
Hinzu kommt das Opportunitätsrisiko: Während ihr Ressourcen in die Stabilisierung eines veralteten Systems investiert, bauen eure Wettbewerber auf modernen Plattformen neue Funktionen, bessere Customer Experiences und effizientere Prozesse.
Wie eine realistische Migration aussieht
Hybris-Migrationen sind keine Sprint-Projekte. Die typischen Phasen:
Assessment und Strategie (4-8 Wochen). Bestandsaufnahme der aktuellen Implementierung: Welche Customizations existieren? Wie tief sind die ERP-Integrationen? Welche Daten müssen migriert werden? Erst aus diesen Antworten ergibt sich die realistische Zielarchitektur.
Plattform-Evaluation und PoC (4-6 Wochen). Kandidaten evaluieren, Proof of Concept für die kritischsten Anforderungen erstellen. Hier zeigt sich, ob eine Plattform wirklich passt oder nur im Pitch gut aussah.
Daten-Migration (laufend, 4-12 Wochen). Produktkataloge, Kundendaten, Bestellhistorie: Die Datenmodelle zwischen SAP und modernen Plattformen unterscheiden sich fundamental. Diese Phase ist die risikoreichste und wird fast immer unterschätzt.
Integration-Rebuild (6-12 Wochen). Jede ERP-, PIM-, Zahlungs- und Versandanbindung muss neu aufgebaut oder adaptiert werden. Bei Unternehmen mit gewachsener Systemlandschaft ist das oft der größte Posten.
Frontend und Go-Live (4-8 Wochen). Neuer Storefront (besonders bei Headless), UAT, Performance-Tests, Cutover.
Realistischer Gesamtzeitraum: 4 bis 9 Monate für Standard-Cases, 12 bis 18 Monate für komplexe Enterprise-Migrationen mit Multi-Country-Setups und tiefen ERP-Integrationen.
Die Rechnung ist einfach: Wer im Juli 2026 auf einer unterstützten Plattform sein will und 12 Monate braucht, hätte im Juli 2025 starten müssen. Wer jetzt startet, hat noch 16 Monate. Das ist machbar, aber es duldet keinen Aufschub.
Ein häufiger Fehler: Unternehmen planen die technische Migration, vergessen aber die organisatorische Seite. Schulungen für das Team, neue Deployment-Prozesse, geänderte Verantwortlichkeiten, möglicherweise ein neues Partner-Ökosystem. Plant dafür mindestens 20% der Gesamtdauer ein. Unterschätzt wird auch der Change-Management-Aufwand: Teams, die seit Jahren mit SAP arbeiten, brauchen Zeit, um sich auf eine neue Plattform einzustellen.
Auch die Deadline für Shopify Scripts am 30. Juni 2026 zeigt: 2026 ist ein Jahr der erzwungenen Plattform-Entscheidungen. Unternehmen, die jetzt strategisch handeln, verschaffen sich einen Vorteil gegenüber denen, die erst unter Zeitdruck reagieren.
Die häufigsten Fehler bei Hybris-Migrationen
Like-for-Like replizieren. Der teuerste Fehler: Das alte System 1:1 auf der neuen Plattform nachbauen, inklusive aller Workarounds und Prozessbrüche. Wenn der Schmerz fragmentierte Prozesse und manuelle Übergaben waren, erzeugt ein Plattformwechsel ohne Prozessveränderung dieselben Probleme auf neuer Technologie.
Customization Debt ignorieren. Typische Hybris-Implementierungen haben zehntausende Zeilen Custom Java Code für Pricing-Logik, Genehmigungsworkflows, Produktkonfiguration und EDI-Integration. Wer den Umfang dieser Customizations nicht ehrlich erfasst, plant an der Realität vorbei.
Datenmigration unterschätzen. Die Datenmodelle zwischen SAP Commerce und modernen Plattformen sind fundamental verschieden. Produktkataloge, Kundendaten, Bestellhistorie: Alles muss gemappt, transformiert und validiert werden. Das ist keine Woche Arbeit. Das ist ein eigenes Projekt.
Erst starten, wenn es brennt. Mit dem harten Deadline am 31. Juli 2026 ist die Zeit extrem knapp für Unternehmen, die noch nicht begonnen haben. Eine strategische Plattformentscheidung unter Zeitdruck zu treffen, führt selten zum besten Ergebnis. Im schlimmsten Fall landet ihr auf einer Plattform, die in drei Jahren genauso wenig passt wie die alte.
Den Prozess nicht mitdenken. Viele Unternehmen investieren 80% des Budgets in die technische Migration und 0% in die Veränderung der Prozesse, die das alte System notwendig gemacht haben. Wenn euer PIM nicht mit dem Shop redet und ihr Daten manuell pflegt, wird ein neues Shopsystem dieses Problem nicht lösen. Die Prozesse müssen sich mitverändern.
Häufige Fragen zum SAP Hybris End of Life
Betrifft das EoMM auch SAP Commerce Cloud?
Das End of Mainstream Maintenance betrifft spezifisch SAP Commerce on-premise (Version 2205 als letztes Release). SAP Commerce Cloud wird weitergeführt. Allerdings müssen auch Cloud-Kunden auf aktuellen Versionen bleiben. Applikationen auf veralteten Cloud-Versionen können keinen neuen Code mehr deployen.
Gibt es eine Verlängerung des Supports?
SAP bietet die sogenannte Customer-Specific Maintenance (CSM) an. Diese kostet gleich viel wie der bisherige Wartungsvertrag, bietet aber keine garantierten Reaktionszeiten, keine SLAs und keine funktionalen Updates. Eine echte Supportverlängerung im bisherigen Sinne gibt es nicht.
Wie lange dauert eine Migration realistisch?
Je nach Komplexität: 4 bis 9 Monate für Standard-Migrationen, 12 bis 18 Monate für komplexe Enterprise-Setups mit Multi-Country und tiefen ERP-Integrationen. Die HABA-Migration auf Emporix zeigt, dass ein erster Kanal in 4 Monaten live gehen kann.
Kann ich einfach auf SAP Commerce Cloud wechseln?
Ja, das ist möglich und der naheliegendste Pfad. Aber es ist keine triviale Migration. Die Cloud-Version hat ein anderes Customization-Modell (restriktiver als on-premise), eine andere Preisstruktur (umsatzbasiert) und erfordert die Anpassung bestehender Custom-Entwicklungen an das Cloud Extension Model.
Welche Alternative eignet sich am besten für B2B?
Das hängt von eurem Geschäftsmodell, eurer Teamgröße und eurer Wachstumsstrategie ab. Shopware 6 bietet das beste Preis-Leistungs-Verhältnis im DACH-Markt mit einer ausgereiften B2B-Suite. Emporix ist die engste funktionale Alternative zu Hybris für B2B und Manufacturing, gebaut von ehemaligen Hybris-Entwicklern. commercetools bietet maximale Flexibilität bei höherer Implementierungskomplexität und eignet sich für Unternehmen mit starkem Entwicklerteam. Spryker ist stark im Marktplatz-Bereich. Eine pauschale Empfehlung ohne Kenntnis eures spezifischen Setups, eurer Integrationslandschaft und eurer Wachstumsziele wäre unseriös.
Was kostet eine SAP Hybris Migration?
Die Kosten variieren stark je nach Ausgangssituation. Grobe Orientierung: Eine Standard-Migration auf eine neue Plattform (Shopware, Emporix) mit moderater Komplexität liegt typischerweise zwischen 80.000 und 300.000 EUR inklusive Implementierung, Datenmigration und Go-Live. Komplexe Enterprise-Migrationen mit Multi-Country-Setups, tiefen ERP-Integrationen und umfangreichem Custom Code können deutlich darüber liegen. Der Kostenfaktor, der am häufigsten unterschätzt wird: die Datenmigration und das Integrations-Rebuild, nicht die reine Plattformlizenz.
Kann ich während der Migration weiter verkaufen?
Ja, die Migration sollte so geplant werden, dass euer bestehendes System parallel weiterläuft, bis die neue Plattform getestet und einsatzbereit ist. Das sogenannte Strangler Pattern ermöglicht sogar eine schrittweise Migration, bei der einzelne Funktionsbereiche nacheinander auf die neue Plattform umgezogen werden. Der Cutover (finale Umschaltung) sollte allerdings in eine verkaufsarme Phase gelegt werden, idealerweise nicht kurz vor dem Weihnachtsgeschäft.
Nächste Schritte
Die Entscheidung zwischen SAP Commerce Cloud, einer neuen Plattform oder dem Weiterbetrieb ist keine rein technische Frage. Es ist eine strategische Weichenstellung, die euer Commerce-Geschäft für die nächsten 5 bis 10 Jahre prägt.
Schritt 1: Ehrliche Bestandsaufnahme eurer aktuellen Implementierung. Wie viel Custom Code steckt drin? Welche Integrationen sind kritisch? Welche Datenvolumen müssen migriert werden?
Schritt 2: Zielarchitektur definieren. Nicht die Plattform zuerst wählen, sondern die Anforderungen: Was muss die neue Plattform besser können als die alte? Wo waren die echten Schmerzpunkte?
Schritt 3: Realistischen Zeitplan aufsetzen. Wenn ihr im Juli 2026 auf einer unterstützten Plattform sein wollt, solltet ihr jetzt starten.
datrycs ist Partner von Emporix und zertifizierter Shopware-Partner. Wir kennen beide Welten und helfen euch, die richtige Entscheidung für euer Geschäftsmodell zu treffen. Ehrlich, nicht mit Plattform-Agenda. Kontakt aufnehmen.













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